Leseprobe Clown Under

Kapitel 1 – Was für ein Zirkus!

Um mich herum war es dunkel, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich kroch vorwärts, die Hand tastend nach oben ausgestreckt, um die Falltür im Manegenboden zu finden. Über mir hörte ich ein dumpfes Dröhnen – das waren die Schritte des Zauberers und seiner Assistentinnen. Geheimnisvolle Musik drang in meine Ohren, und ich ging den Ablauf im Geist noch einmal durch. Ich hatte nur wenig Zeit gehabt, mich darauf vorzubereiten, die beiden zauberhaften Assistentinnen im richtigen Moment verschwinden zu lassen.

Jetzt war der Augenblick gekommen.

Knapp achthundert erwartungsvolle Augenpaare waren auf die Bühne gerichtet. Die nächsten Sekunden würden über meine Zukunft im Zirkus entscheiden, darüber, ob ich hier arbeiten konnte in den nächsten Monaten, oder ob ich gezwungen sein würde, mir etwas anderes zu suchen. Tausende Kilometer von meinem Zuhause entfernt, auf der anderen Seite der Welt, weit weg von allen, die ich kannte und liebte. Mein großer Traum, er war zum Greifen nah. Aber nur ein falscher Handgriff, und der Trick würde missglücken – und ich wäre erledigt.
Ich fand den kühlen eisernen Griff der Falltür und krallte meine Finger darum. Das Blut in meinen Ohren rauschte, und die Nervosität nahm noch einmal zu. Tief durchatmen! Ich versuchte, durch den kleinen Spalt zwischen Tür und Manege einen  Blick auf das zu erhaschen, was sich auf der Bühne über mir abspielte. Doch irgendetwas verdeckte meine Sicht. Verflucht!
Jetzt musste ich mich ausschließlich an der Akustik orientieren.  Das unregelmäßige Knarzen über mir lenkte mich immer wieder ab. Unruhig zupfte ich am Ärmel meines Shirts, als die Musik dramatischer wurde. Nur noch ein paar Augenblicke. Ich zählte die Sekunden. Ich wusste von den Proben, dass der Magier gleich den Umhang über seine Assistentin legen würde.
Einundzwanzig …
Zweiundzwanzig …
Dreiundzwanzig …
Mein Einsatz! Jetzt durfte nichts schiefgehen.
Mit einer schnellen, aber leisen Bewegung riss ich die Falltür auf. Zwei schlanke Füße wurden mir entgegengestreckt.  Beherzt griff ich zu und zerrte Emma, die Assistentin des Zauberers, durch die schmale Lücke. Ich spürte, wie sie sich  schmerzerfüllt verkrampfte, als ihr Ellenbogen am hölzernen Rand der Öffnung im Manegenboden entlangschabte. Egal! Wir hatten keine Zeit für Empfindlichkeiten. Als Emmas Füße den Boden berührten, hatte ich die Luke bereits wieder lautlos  geschlossen. Die erste Assistentin war von der Bühne verschwunden, doch nun wartete der schwierigere Teil meines  Einsatzes. Auf allen Vieren krabbelte ich hastig über den kühlen Boden zum hinteren Teil der Bühne, wo sich die Falltür für Cassandra, die zweite Assistentin, befand. Es war stockdunkel, ich musste die Luke in der Hektik nahezu blind finden. Aber ich hatte den Weg nun schon ein paar Mal zurückgelegt und wusste, es waren genau sechzehn Schritte. Ich langte nach oben, nach dem Scharnier für die Klappe. Doch da war …
Nichts.
Hatte ich erst fünfzehn Schritte gemacht? Hatte ich mich verzählt? Panisch tastete ich die niedrige Decke über mir ab,  bekam jedoch den Metallgriff nicht zu fassen. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, der tiefe Bass ließ meinen Brustkorb  vibrieren. Meine Bewegungen wurden fahriger, meine Knie fühlten sich an wie Wackelpudding.
Wo war die verfluchte Öffnung?
Ich ermahnte mich, einen kühlen Kopf zu bewahren, doch grausame Bilder drängten sich in meine Gedanken: die  ungläubigen Blicke der Zuschauer, die enttäuschten Gesichter der Kinder, die zornerfüllte Grimasse des Magiers, der dem  Spott der achthundert zahlenden Gäste ausgeliefert war. Meine Finger flogen über das raue Holz, während mein Magen vor Aufregung einen Purzelbaum machte. Mir war so schlecht. Ich schmeckte Säure in meinem Mund, doch dann stieß meine Hand plötzlich gegen etwas Kühles, Glattes.
Das Scharnier!
In Windeseile schob ich den Riegel zur Seite, öffnete die Tür und ließ mit einem schnellen Griff die Sitzklappe des Stuhls nach unten schwingen, auf dem Cassandra saß. Das Adrenalin schoss durch meine Adern und verlieh mir zusätzliche Kraft. In  einer einzigen fließenden Bewegung konnte ich die junge Frau durch die geöffnete Sitzfläche des Stuhls und die Luke ziehen.  Ihre hektischen Bewegungen zeigten mir, dass ich zu viel Zeit vergeudet hatte. Schnell drückte ich die Sitzfläche wieder nach oben, bis sie einrastete, dabei verschob ich aus Versehen ein wenig den Stuhl. Ob die Zuschauer bemerken würden, dass er in einer anderen Position stand als noch vor ein paar Sekunden? Sei’s drum. Ich musste meinen Arm so schnell wie möglich  unter dem Boden der Manege verstecken, um nicht gesehen zu werden. Hastig schloss ich die Luke. Im gleichen Moment  enthüllte der Magier den leeren Stuhl.
Durchatmen. Ich hatte es geschafft. Ich sackte in mich zusammen, denn in dieser Sekunde fiel die gesamte Aufregung von  mir ab. Für einen Moment blendete ich mein Umfeld komplett aus und atmete tief durch. Erleichterung machte sich in mir breit, in Form einer angenehmen Wärme, die sich langsam ihren Weg durch meinen Körper bahnte.
Unsanft wurde ich in die Realität zurückgeholt. Cassandra zischte: »Du musst schneller sein!« Dann wandte sie sich, ohne auf eine Reaktion von mir zu warten, wütend ab, und ließ mich mit klopfendem Herzen zurück.
Ist das Zirkusleben zu hart, bist du zu weich.

Frei nach diesem Motto war ich gewillt, hart zu werden. Wenigstens ein bisschen.
Darf ich vorstellen? Andreas Schaible, neunzehn Jahre und von Natur aus butterweich.
Genau das hatte ich nach meinem Abitur ändern wollen. Ich hatte weg gewollt von meinem Füllfederhalter mit der  königsblauen Tinte, weg von meiner kuschligen Fußballbettwäsche, in der ich Nacht für Nacht friedlich geschlummert hatte,  und rein ins Leben. Die Abenteuer fernab meines immer gleichen, sicheren Alltags entdecken, einfach den Rucksack  aufziehen, die Kamera schnappen und kurzerhand das Nest verlassen. Trotz leerem Portemonnaie leichtfüßig in den Flieger  springen und mit offenen Armen von der Welt empfangen werden, in der Hoffnung, dass mir die Münzen für die kommenden  Monate wie von Zauberhand in die Tasche kullerten.
Oft hatte ich an bitterkalten Winterabenden vor dem Kamin gesessen und mir die Reise so vorgestellt. In meinen  realistischen Momenten war mir dabei schnell klar geworden, dass das so nicht funktionieren würde – fast hatte ich hören  können, wie die Realität mich auslachte, wenn meine naiv-abenteuerlustigen Vorstellungen erblühten.
Also hatte ein besserer Plan her gemusst. Einige Monate vor meiner Reise lag ich in meinem Bett und wälzte mich unruhig hin und her. Die Gedanken an mein geplantes Abenteuer ließen mich nicht einschlafen, und so knipste ich schließlich meine Lampe an und setzte mich auf. Ich wollte den ganzen australischen Kontinent kennenlernen, aber ich musste vorher etwas Geld verdienen, um die Reise und meinen Lebensunterhalt Down Under zu finanzieren. Klar, es gab unendliche Möglichkeiten in Australien, um an das nötige Kleingeld zu kommen, schließlich pilgerten Tausende von jungen Leuten jedes Jahr dorthin, um zu arbeiten und zu reisen. Aber worauf hatte ich Lust? Nicht auf Schafe hüten, das war klar. Das letzte Jahr hatte ich nur mit Abiturvorbereitungen zugebracht, mir stand wirklich der Sinn nach etwas Neuem, Verrückten, Abenteuerlichen.
Ach, mir wird schon noch was Pfiffiges einfallen, redete ich mir ein, doch dafür brauchte ich erstmal eine ordentliche Mütze Schlaf. Ich zog eine Zeitschrift aus meinem Nachtkästchen. In alten Berichten stöbern, bis mir irgendwann die Augen zufielen, hatte bislang noch jedes Mal geklappt. So schlug ich das alte Heft auf, überblätterte die Werbeanzeigen von  Apfelringen und Shampoo, bis mein Blick an einer Filmankündigung hängen blieb: Wasser für die Elefanten. War das nicht  der Film über diesen Jungen, der plötzlich beim Zirkus landete?
Das Leben ist die spektakulärste Show der Welt!, stand da außerdem. Das klang verlockend. Eigentlich hatte ich mir den  Film schon letztes Jahr anschauen wollen. Im Kino würde er jetzt sicherlich nicht mehr laufen. Egal, das werde ich  irgendwann noch nachholen, dachte ich, und blätterte lustlos eine Seite weiter … und in diesem Moment hatte ich einen  Geistesblitz.
Warum nicht mit einem Zirkus durch Australien ziehen? Ja, genau! Das war die Idee. Arbeiten und Reisen! Im Wohnwagen über den Kontinent fahren. Als Nomade eine fremde Kultur kennenlernen.
Australien. Ein riesiges Land voller Überraschungen. Strahlend blaues Wasser, trockene Wüsten aus roter Erde, Krokodile, tosende Wasserfälle, einsame Strände mit dem weißesten Sand des Planeten, Schlangen, giftige Spinnen, Korallenriffe und  jede Menge Sonne. Ein Land der Gegensätze. Auf der einen Seite die einsame Weite des kargen Outbacks, auf der anderen  der tropische Dschungel. Ein Streifzug mit dem Zirkus durch eines der vielfältigsten Länder der Erde. Eigentlich nur eine  Träumerei, doch die Idee hatte sich bereits in meinem Kopf verwurzelt und fing bald an, ihre fantastischen Triebe in meine  Gedanken wachsen zu lassen.
Doch abgesehen von meinen begeisterten Besuchen als Kind hatte ich vom Zirkus nicht viel Ahnung – und erst recht keine Erfahrung als Artist. Nur eine knallrote Nase, die ich zu einem Kindergeburtstag bekommen hatte, konnte ich vorweisen.  Klar, damals war ich Feuer und Flamme gewesen und hatte unbedingt beim Zirkus arbeiten wollen; es war mein  Kindheitstraum gewesen, seitdem ich das erste Mal eine Vorstellung besucht hatte, so wie andere Feuerwehrmann oder  Astronaut werden wollten. Aber ganz im Ernst: Wie viele der Kinder mit diesen Träumen wurden am Ende wirklich  Hochseilartisten, Lokomotivführer und Tiefseetaucher?
Dennoch wollte ich mein Glück versuchen – auch deshalb, weil sich schräge Ideen manchmal als goldrichtig erweisen, wenn man nur den Mut hat, sie in die Tat umzusetzen. Der Weg bis in die Manege würde lang und steinig werden, das war mir  damals schon klar. Aber ich war bereit, an meine Grenzen zu gehen.
Und darüber hinaus.